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Faulheit
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Der Begriff Faulheit bezeichnet ursprünglich den Zustand schlecht gewordenen Obstes und anderer Pflanzen, auch verwesender Tiere (Kadaver), im Sinne von Fäulnis (von faul).
Im übertragenen Sinn bezeichnet er, was in Abwesenheit anderer Erklärungen den Menschen von innen heraus abhält zu arbeiten. Die verschiedenen Interpretationen der Faulheit reichen von einer allgemeinen Tendenz des Menschen zur Ruhe bis zu schlechtem Charakter des einzelnen. Ebenso reicht daher die Verwendung des Wortes von einem Einfordern gerechter Erholung bis zum Schimpfwort.
Der Begriff Trägheit wird oft ähnlich verwandt. Er hat aber zusätzlich ein Element der Langsamkeit und umgreift im Christentum auch die für die Sündenlehre wichtige "Trägheit des Herzens".
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In der Antike noch galt die Muße als erstrebenswertes Ideal.
Interessant ist, dass die Faulheit im Christentum seit alters her zu den sieben Hauptlastern gehört: Acedia - so nannte man das betreffende Laster. Unter Acedia verstand man zugleich Trägheit des Herzens, Trübung des Willens, Verfinsterung des Gemüts und Verlust der Tatkraft. Faul herumzuliegen war ein Kennzeichen der Trägheit. Auf älteren bildlichen Darstellungen, die das Laster der Faulheit anprangern, sind Bauern zu sehen, die neben ihrem Pflug eingeschlafen sind, oder Frauen, die am Spinnrocken ein Nickerchen halten.
Mit Kontemplation oder Muße hatte die Sünde der Acedia nichts zu tun. Sie war auch kein produktives Nichtstun, wie es heute manche 'Kreativen' in unserer Gesellschaft für sich in Anspruch nehmen; die Faulheit war eine gezielte Abkehr von Gott.
Auch heute noch wird die Faulheit als die Trägheit des Herzens zu den sieben Hauptlastern gerechnet. Sie kann nach katholischer Lehre dazu führen, dass man tatenlos bleibt und dem Bedürftigen, Schwachen oder Kranken nicht hilft, selbst wenn man es könnte. Für den Protestantismus ist der Fleiß bei der Arbeit Zeichen eines gottgefälligen Lebens, was auch im Buch Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus von Max Weber behandelt wird.
Die Erfinder der sieben Hauptlaster warnten schon früh vor den Folgen der Faulheit: Träge Menschen seien besonders gefährdet, melancholisch und schwermütig zu werden – sie neigen zur "Depression", wie wir heute sagen würden. Denn wer nicht fleißig arbeitet und schafft, wer nicht sein Leben straff im Griff hat, der komme schnell auf abwegige Gedanken und verfalle zu sehr ins Grübeln. "Müßiggang ist aller Laster Anfang", sagt der Volksmund. "Ora et labora" (bete und arbeite) - so lautete auch der Grundsatz der Benediktiner. Und das hieß für viele früher oft: schuften, ohne zu genießen, zumindest mit der Aussicht auf einen Platz im Himmel als Lohn für ein gottes- und obrigkeitsfürchtiges Leben. Muße und Faulheit galten als Laster. Für die Puritaner stand ein fleißiges Leben voller Bescheidenheit (Askese) und Gottesfürchtigkeit an erster Stelle. Die protestantische Arbeitsethik und insbesondere der Calvinismus rückten wirtschaftlichen Erfolg verstärkt in das Zentrum menschlichen Seins. Später sprach man sogar vom "Recht auf Arbeit".
Ganz anderer Ansicht war allerdings der Arbeiterführer Paul Lafargue. Er sprach sich für das Recht auf Faulheit aus: "O Faulheit, erbarme du dich des unendlichen Elends! O Faulheit, Mutter der Künste und der edlen Tugenden, sei du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!"
Immanuel Kant meinte in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798, §87) zwar, dass von den Lastern Faulheit, Feigheit und Falschheit "das erstere das verächtlichste" zu sein scheint, sah darin aber auch eine Schutzfunktion: "Denn die Natur hat auch den Abscheu für anhaltende Arbeit manchem Subjekt weislich in seinen für ihn sowohl als andere heilsamen Instinkt gelegt: weil dieses etwa keinen langen oder oft wiederholenden Kräfteaufwand ohne Erschöpfung vertrug, sondern gewisser Pausen der Erholung bedurfte." Doch nicht nur als Aktivierungsschwelle schützt Faulheit vor schädlichem Kräfteverzehr, sie kann auch Schlimmeres verhüten: "Wenn nicht Faulheit noch dazwischenträte, die rastlose Bosheit weit mehr Übels, als jetzt noch ist, in der Welt verüben würde"
Mehr Fortschritt, weniger Arbeit
Arbeitet nie! war eines der Mottos, die Situationisten 1968 in Paris an Wände sprühten. Damals war der Traum von weniger Arbeit aber keineswegs radikal. Noch in den sechziger Jahren wurde mit Fortschritt die ihn damals legitimierende Idee verbunden, dass Technologie den Menschen in der Zukunft viel mehr Freizeit erlauben würde. Im Gegensatz zu heutigen Zukunftsvisionen, die vorwiegend eine Verschärfung des Wettbewerbs und eine zum Teil brutale Verhärtung des Kampfes zwischen den Menschen zeichnen, waren in jener Zeit noch Träume positiv besetzt, in denen automatisierte Häuser den Hausfrauen die Arbeit abnehmen sollten. Arbeitnehmer durften auf viel kürzere Arbeitszeiten hoffen, zum Beispiel nur noch drei mal drei Stunden, wie in der amerikanischen Zeichentrickserie „Die Jetsons“. Angesichts der darin sehr konventionell dargestellten Rollenverteilung zwischen Mann und Frau sowie der Darstellung der Arbeitsverhältnisse in diesen Phantasien war es offensichtlich, dass diese Träume nicht revolutionär, sondern durchaus bürgerlich waren.
Mehr Fortschritt, bessere Wettbewerbsfähigkeit
Die damalige positive Bewertung dieser Vorstellungen von viel weniger Arbeit hat sich bis heute deutlich verändert. Der Wunsch nach viel weniger Arbeit ist nun stark negativ besetzt: "Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft", sagte der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nicht vorwiegend mehr Lebensfreude durch mehr Freizeit (einschließlich selbstbestimmter Arbeit) legitimiert nun den Fortschritt, sondern Fortschritt wird vorwiegend als Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit gesehen, die mit Faulheit nicht kompatibel ist.
Produktive Faulheit
Faulheit - als die Tendenz, möglichst alle eigene Arbeit zu umgehen oder zu reduzieren - hat auch einen äußerst produktiven Aspekt. So wurden die ersten Rechenmaschinen, und letztlich auch der Computer, erfunden, weil die mit Kalkulationsaufgaben betrauten Personen zu faul waren, die Berechnungen selbst durchzuführen (obwohl dies seit Generationen, teils zum Missfallen der Protagonisten, der Fall war). Die Domestikation wilder Tiere geschah ebenso aus der Faulheit heraus, keine Jagd mehr betreiben zu müssen, dasselbe gilt für Zucht und Anbau von Nahrungsmitteln.
Krankheit als Ursache
In krankhafter Form kann Antriebslosigkeit und Apathie zu Verhalten führen, das als Faulheit interpretiert wird. Da Faulheit wie eine erhöhte Schwelle zur Auslösung menschlicher Aktivität wirkt, sind auch Verwechselungen mit anderen vor einer Handlungsaktivierung zu überwindenden Schwellen (Wahrnehmungsbehinderungen wie Seh- und Hörschwächen, Schmerzen, motorische Störungen usw.) mit Faulheit möglich.
Umwelt als Ursache
Eine bedeutende Ursache für Verhalten, das als Faulheit interpretiert werden kann, ist das Klima. Aber auch eine Ressourcenlage, die nur gelegentlich hohe Anspannung verlangt oder die wenig Vorratshaltung erfordert, kann Phasen der Untätigkeit ermöglichen. Wer aus einer anderen Kultur kommt, kann sie als "Faulheit" missverstehen, so wie körperlich hart Arbeitende auch Schreibtischtätigkeit als Form der Faulheit ansehen mögen.
Besonders in der Kolonialzeit kam es hier zu missbräuchlichen Faulheitsvorwürfen seitens der Kolonialisten gegenüber den in den kolonialisierten Gebieten lebenden Menschen. Der Kampf gegen die vermeintliche Faulheit der Eingeborenen wurde zum Teil mit grausamsten Methoden geführt. Mehr Verständnis wurde unter schlechten klimatischen Bedingungen nur eingeschränkt arbeitsfähigen Menschen entgegengebracht, wenn sie zu den Eroberern gehörten.
So ermöglichte erst die Klimatechnik, dass die Menschen im Süden der USA Anschluss an den industriellen Fortschritt des Nordens finden konnten.
Geringe Motivation als Ursache
Nicht selten wird Arbeitnehmern Faulheit in Situationen vorgeworfen, in denen sie zum Beispiel wegen schlechter oder als ungerecht empfundener Entlohnung einfach ihre eigenen Kosten minimieren, also so wenig arbeiten, wie gerade möglich. Auch Mangel an anderer nicht-monetärer Motivation kann zu einer Haltung führen, die als Faulheit missverstanden wird.
Preußen
Unter dem Soldatenkönig wurde in Preußen eine Reihe von Gesetzen erlassen, die Faulheit unter Strafe stellten. So war etwa Marktweibern das Tratschen bei Androhung von Prügelstrafe untersagt.
Schlaraffenland
Im Märchen vom Schlaraffenland wird die Faulheit dagegen als Tugend dargestellt. Der perfekte Lebensstil ist es hier, unter einem schattenspendenden Baum zu liegen und ab und zu den Mund zu öffnen, damit einem das Essen in eben diesen Mund fliegt. Jede Form von Arbeit gilt hier als verpönt.
Geschichte
Bereits in der Antike typisierte man Menschen mit ausgeprägter Faulheit. Man nannte sie "homo febius". Auch heute noch findet man diese Bezeichnung in zahlreichen Literaturquellen. Dieses Synonym bildete sich in Folge einer Geschichte (Komödie) des römischen Autoren Publius Ovidius Naso. Der Hauptdarsteller, ein gewisser "febius", neigt zu exzentrischer Faulheit, durch welche er über verschlungene Wege den Tod findet.
Zitat
- Aus dem Umstand, dass mittelmäßige Menschen oft arbeitsam sind und die intelligenten oft faul, kann man nicht schließen, dass Arbeit für den Geist nicht eine bessere Disziplin sei als Faulheit. – Marcel Proust (aus: Tage des Lesens, ISBN 3458344187, S. 41)
Literatur
- Peter Axt, Michaela Axt-Gadermann: Vom Glück der Faulheit, 2002, ISBN 3442164451
- Heinrich Droege, Ernst Petz: Faulheit adelt - Texte gegen das herrschende Arbeitsethos, 2000, ISBN 3852550491
- Reimer Gronemeyer (Hrg.), Der faule Neger. Vom weißen Kreuzzug gegen den schwarzen Müßiggang, Reinbek bei Hamburg 1991
- Inge Hofmann: Faulheit ist das halbe Leben, 2003, ISBN 3442165644
- Inge Hofmann: Lebe faul, lebe länger, 2003, ISBN 3442166314
- Carl Honore: In Praise of Slowness, 2005, ISBN 0060750510
- Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit - Widerlegung des "Rechts auf Arbeit von 1848, ISBN 393178603X
- Corinne Maier: Die Entdeckung der Faulheit, 2005, ISBN 3442301130 (Bonjour paresse - De l'art et la nécessité d'en faire le moins possible en entreprise, 2004, ISBN 2841862313)
- Bertrand Russell: Philosophische und politische Aufsätze, 1930er Jahre, ISBN 3150079705 (In Praise of Idleness - And Other Essays, 1935, ISBN 0415325064)
- Eberhard Straub: Vom Nichtstun - Leben in einer Welt ohne Arbeit. Berlin 2004,wjs-Verlag, ISBN 3-937989-02-1
Weblinks
- Professor Sofsky: Über die Trägheit (dradio.de)
- Artikel des Online-Magazins Telepolis: "Vom Menschenrecht auf Faulheit"
- Das Recht auf Faulheit - Widerlegung des »Rechts auf Arbeit« von 1848, Paul Lafargue (1883)
- Die Strafe der Faulheit, Wilhelm Busch
- Schlau & Faul - Die Verteidigung der Faulheit, Argumente und Denkanstöße für schlaue Faulpelze
- Dr. Jörg Henseler: Was bedeutet Trägheit? Begriff und Wirkung der Trägheit im Rahmen des Wechselverhaltens von Konsumenten im Strommarkt (der markt)
Siehe auch
- Aufschieben: das Verhalten von Menschen, welche regelmäßig die Erledigung ihnen wichtiger Dinge immer wieder in die Zukunft hinaus verschieben.
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